Von: Julius Reinsberg
01.08.2013

Exponat des Monats August 2013

Stühle von Franz Schuster aus dem esszimmer ernst mays


Nicht nur Architektur und Planungen Ernst Mays tragen die Handschrift des Funktionalismus. Auch sein eigenes Haus gestaltete der Stadtbaudirektor entsprechend. Dies gilt auch für die Inneneinrichtung: viele Möbel in Mays Villa in Ginnheim wurden nach Entwürfen Professor Franz Schusters gefertigt, die Idee und Ästhetik des Neuen Bauens entsprachen, so auch die Stühle.

Ernst Mays Frankfurter Wohnhaus war wegen seiner futuristisch anmutenden Erscheinung und insbesondere der großen Fensterfront, die sich über zwei Wände des Gebäudes spannte, schnell über die Grenzen von Frankfurt hinaus bekannt. Die Stühle gruppierten sich um einen großen Ausziehtisch im Esszimmer, wie historische Photos und ein zeitgenössischer Film belegen. Man kann davon ausgehen, dass hier neben dem Architekten und seiner Familie auch bedeutende Gäste Platz nahmen.

 „Man hat durchaus den Eindruck, als würden die Möbel meistens für Snobs oder noch nicht existierende Idealmenschen des Jahrhunderts entworfen“, so äußerte sich Franz Schuster über die zeitgenössische Entwurfshaltung seiner Kollegen in Möbel- und Einrichtungsdesign. Seiner Auffassung nach sollte sich ein der Zeit entsprechendes Möbel den Bedürfnissen des Nutzers anpassen und dabei in der Form möglichst zurückhaltend sein. Er lehnte teure und repräsentative Einrichtungsgegenstände, die die Individualität ihrer Besitzer betonen sollten, strikt ab. Wahrer Individualismus sollte vom Menschen selbst und nicht seiner finanziellen Potenz abhängen.

Dieses Wohnverständnis zeigt sich auch in den von Schuster für May entworfenen Stühlen. Sie sind in der Form äußerst schlicht gehalten. Verzierungen oder Ornamente sucht man vergeblich. Lehn- und Sitzfläche sind mit Pergament bespannt und geben entsprechend der Belastung und dem Gewicht des Nutzers leicht nach. Dies sorgt für eine gewisse Annehmlichkeit und Sitzkomfort. Dennoch haben die Stühle keine Armlehnen oder gar Polster; sie sollten ein angeregtes Tischgespräch in aufrechter Haltung garantieren, nicht aber zur müßigen Entspannung einladen.

Als die fünf Stühle in den Besitz der ernst-may-gesellschaft übergingen, befanden sich in einem desolaten Zustand. Die Bespannung war teilweise eingerissen, die Leimverbindungen gelöst, die ursprüngliche Farbe nur noch zu erahnen. In mühevoller Kleinarbeit war es der von der ernst-may-gesellschaft beauftragten Restaurierungswerkstatt Naumburg aber möglich, den ursprüngliche Zustand Stück für Stück wieder herzustellen (siehe Rückseite). Und der Aufwand hat sich gelohnt: nach über 80 Jahren vermitteln die Stühle nun wieder einen lebendigen Eindruck vom Geschmack und Entwurfshaltung Franz Schusters, Ernst Mays und ihrer Zeit.