01.04.2020

Exponat des Monats April 2020

Wandfliesen aus der Frankfurter Küche


Zwischen 1925 und 1931 wurden etwa 15.000 Frankfurter Küchen in den Wohnungen und Häusern der Siedlungen des Neuen Frankfurt eingebaut. Da beim Entwurf der Küche und bei der Materialwahl die Hygiene von großer Bedeutung war, fiel die Entscheidung bezüglich der Wandverkleidung schnell auf die Fliese. Wasser, Fett und Speisereste können von der glasierten Oberfläche der aus Keramik bestehenden Fliesen einfach abgewischt werden. Eine hygienische Schwachstelle stellen lediglich die Fugen mit ihrem offenporigen Mörtel dar. In der Frankfurter Küche im ernst-may-haus wurden die Fliesen daher fast fugenlos verlegt. Diese Technik erfordert eine gute Beherrschung des Handwerks und ein präzises Arbeiten des Fliesenlegers. Andererseits sind Fugen ein Gestaltungselement und strukturieren die Wandfläche. Vermutlich deshalb sind die Fugen auf den Fotografien der Ausstellungsküche von 1927 besonders breit.
 

Die Fliesen in der Frankfurter Küche im ernst-may-haus

Foto: Christina Treutlein


Ob sich die Frankfurter Küche im Alltag bewährt, erforschte in den späten 1920er Jahren die Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen. Sie bemängelte die im Vergleich zu anderen Wandverkleidungen hohen Kosten der Fliesen. In ihrem Bericht von 1929 kam sie aber zu dem Schluss, dass die Fliesen in Sachen Langlebigkeit auf Dauer doch die kostengünstigere Wahl sei. Wie man heute in vielen Frankfurter Küchen sieht, hat sie Recht behalten. Oftmals sind in den Küchen noch die originalen Fliesen in sehr guten Zustand zu finden.
 

Fliesenvariationen

Foto: Christina Treutlein

Fliesenrückseite mit dem Firmenrelief Villeroy & Boch

Foto: Christina Treutlein

Abgerundete Kante einer Abschlussfliese

Foto: Christina Treutlein


Die Fliesen wurden in den Frankfurter Küchen an den Wänden hinter der Arbeitsfläche, der Spüle und dem Herd verlegt. Pro Küche brauchte man etwa 200 der 15 cm x 15 cm großen Platten. In den Badezimmern wurden oftmals die gleichen Wandfliesen verwendet, allerdings benötigte man dort ca. 310 Stück. Bedenkt man, dass allein in der Römerstadt ca. 1.200 Wohneinheiten jeweils mit Küche und Bad ausgestattet etwa zeitgleich bezugsfertig waren, wird klar, dass eine Firma allein die Anzahl der benötigten Fliesen nicht so schnell liefern konnte. Die Fliesen der Musterküche kamen von Villeroy & Boch; um die Kosten zu senken, entschied man sich für zweite Wahl. Aber auch zahlreiche andere Firmen lieferten Fliesen. Dies belegen die Reliefs der Firmenlogos auf den Fliesenrückseiten. Die unterschiedlichen Hersteller aber auch die große Bandbreite an Anstrichen für die eingebauten Küchenschränke – es gab blaue, grüne, gelbe, weiße und sogar rote Küchen – erklären die Farbvariation unter den Wandfliesen. Fliesen gab es in einem von cremeweiß bis senfgelb reichendem Farbspektrum und von einfarbig bis leicht gesprenkelt. Ein besonders schönes Detail des Fliesenspiegels in den Frankfurter Küchen sind die abgerundeten Kanten der Abschlussfliesen.

 

Text: Christina Treutlein