10.04.2021

Exponat des Monats April 2021

Sintrax-Kaffeebereiter


„Eine Küche ist eigentlich nichts anderes als ein Laboratorium […] sie müsste aussehen etwa wie eine Apotheke […]“, schrieb Margarete Schütte-Lihotzky 1921 in der Zeitschrift Schlesisches Heim. Als sie fünf Jahre später ab 1926 mit ihren Kollegen im Hochbauamt an der Frankfurter Küche arbeitete, hatte ihre Vision die Küchengestaltung beeinflusst. Die verglasten Schiebetüren und die Schütten für einzelne Zutaten sind der Apothekenausstattung entlehnt.

Aber auch an anderer Stelle beeinflussten Apotheken und Labore den neuzeitlichen Haushalt der 1920er Jahre. Mit dem Sintrax-Kaffeebereiter zog sogar ein Laborgerät in die Küchen ein. Als Vorbilder des Kaffeebereiters gelten die Glasfiltergeräte für Forschungs- und Industrielabore, welche die Firma „Jenaer Glaswerk Schott & Gen.“ herstellte. Beeinflusst von diesen Geräten entwarf Gerhard Marcks 1924/1925 für die Firma aus Jena einen neuen Kaffeebereiter, der ab 1928 in Serie hergestellt wurde. Marcks (1889-1981) war Leiter der Keramikwerkstatt am Bauhaus und so überrascht es nicht, dass die Gestaltungsideale der Schule auch das Design des Kaffeebereiters prägten. Statt den bauchigen Vasenformen traditioneller Kaffeekannen verwendete Marcks geometrische Grundformen und formte das neue Gerät, indem er die beiden Hälften einer auseinandergeschnittenen Kugel verkehrtherum übereinandersetzte.

Sintrax-Kaffeebereiter 
Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V.


Der Sintrax-Kaffeebereiter basiert auf dem System der Vakuumbereiter. In den unteren Behälter wird Wasser und in den oberen Kaffeepulver gefüllt. Anschließend legt man auf den oberen Teil den Deckel (fehlt bei diesem Exponat) und setzt beide Behälter aufeinander, wobei die rote Gummidichtung in der Mitte für einen luftdichten Verschluss sorgt. So kann ein Vakuum entstehen, wenn der Kaffeebereiter im nächsten Schritt auf die heiße Herdplatte gestellt wird. Kocht das Wasser im untern Behälter, steigt es über das mittige Glasrohr hinauf in den oberen Bereich und vermischt sich mit dem Kaffeepulver. Nun muss die Sintrax vom Herd genommen werden, so dass die Luft im unteren Behälter abkühlen kann. Aufgrund des Vakuums wird der fertige Kaffee durch den eingebauten Filter aus Kunststoff wieder nach unten gezogen und er kann serviert werden.
 

Filter aus Kunststoff zum Zurückhalten des Kaffeepulvers im oberen Behälter
des Sintrax-Kaffeebereiters

Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V.

1932 überarbeitete Wilhelm Wagenfeld (1900-1990) Marcks‘ Entwurf geringfügig an Deckel und Griff. Statt des ursprünglich U-förmig gebogenen Griffs bekam die Sintrax nun einen geraden Stiel als Griff mit einem Metallfederring, wie bei dem hier ausgestellten Modell. Es ist die einen halben Liter fassende, kleinere Variante der Sintrax, die es auch für einen Liter Kaffee gab. Im Vergleich zum Perkulator (Exponat des Monats Januar 2020) kann man bei der Sintrax die Herstellung des Kaffees beobachten, denn sie besteht aus hitzebeständigem Jenaer Borosilikatglas, das von Otto Schott 1887 für die Anwendung im chemischen und pharmazeutischen Bereich entwickelt wurde. Der Name Sintrax ist ein zusammengesetztes Kunstwort der aus der Chemie stammenden Begriffe Sintern und Extrahieren.
 

Griff nach dem Entwurf von Wilhelm Wagenfeld
Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V
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Sintrax-Kaffeebereiter, Entwurf: Gerhard Marcks, mit U-förmigem Griff
Bildquelle: Die Form, 1928, Heft 8, S. 242 (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1928/0252 )

 

Text: Christina Treutlein