Von: ct
08.06.2023

Exponat des Monats Juni 2023

Schreibtischleuchte Polo-Populär


1883 entsteht die Bünte & Remmler in Frankfurt am Main als Petroleumlampenfabrik und entwickelt sich hier  zum größten Hersteller von Beleuchtungskörpern und später Gasbrennern. Das Produktportfolio der Firma entwickelte sich in den Folgejahren über Gasbeleuchtungskörper und Gasbrenner hin zu elektrischer Beleuchtung.

Das Unternehmen beschäftigt 1914 fast 1300 Mitarbeiter. In der Firmenchronik wird erläutert, wie – aufgrund des kriegsbedingten Kohlemangels – europaweit in der Nachkriegszeit die Gasproduktion zurückgeht und damit auch die Nachfrage nach dem Haupt-Massenprodukt, dem Gasglühlichtbrenner einbricht. Doch wegen der zunehmenden Elektrifizierung wendet sich das Unternehmen schließlich der Entwicklung und Fertigung von elektrischen Leuchten zu. Von großer Bedeutung für das Unternehmen ist Mitte der 1920er Jahre die Bautätigkeit im Rahmen des Neuen Frankfurt. Bis Anfang der 30er Jahre richtet sich das Produktportfolio der Beleuchtungskörper von Bünte & Remmler stark an den im Neuen Frankfurt postulierten Formvorgaben aus: „Saubere, glatte Formen und anständiges Material“.

 


Schreibtischleuchte Polo-Populär
Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V.

 

Im Katalog 1931/32 werden Entwürfe von „maßgebenden Werkbundkünstlern, Architekten und Lichtfachmännern“ angepriesen. Neben den hauseigenen Entwürfen werden die Leuchten von Wolfgang Tümpel sowie ein Entwurf von Wilhelm Wagenfeld beworben. Die Leuchten von Christian Dell sind noch nicht in den Katalogen, obwohl er in Frankfurt  d e r  maßgebliche Lichtfachmann des Neuen Frankfurt ist.

 

Christian Dell, als gelernter Silberschmied vorher am Weimarer Bauhaus tätig, ist seit Jahresbeginn 1926 Leiter der Metallklasse der Frankfurter Kunstgewerbeschule. Frankfurt ist zu diesem Zeitpunkt das Zentrum des „Neuen Bauens“ und am Beginn einer programmatischen Entwicklung, welche die nächsten fünf Jahre andauern wird. Christian Dell ist durch Fritz Wichert, dem Leiter der Kunstgewerbeschule und gleichzeitig auch Mitherausgeber der Zeitschrift Das neue Frankfurt eng mit den Entwicklungen und Visionen der Gruppe um Ernst May vertraut und beginnt früh, sich mit Entwürfen für Arbeitsplatzbeleuchtung zu beschäftigen. Bereits 1926 entwirft Dell die Serie „Rondella“. Diese Leuchten sind in ihrer funktionalen Klarheit bahnbrechend. Sie erscheinen als erste Produkte im Frankfurter Register, der Werbebeilage der Zeitschrift Das Neue Frankfurt. Zwischen 1927 und 1929 entstehen zwei weitere Leuchtenentwürfe, die „Rondella Polo“ und die „Type-K“. Bei der „Rondella Polo“ ist auf verschieden hohen Standfüßen ein schwenkbarer Leuchtenarm durch ein Kugelgelenk in einer Pfanne fixiert. Nachdem Christian Dell die an der Kunstgewerbeschule entworfenen Leuchten zunächst auch selbst produzieren ließ, überträgt er die Fabrikationsrechte für die beiden Rondella-Leuchten 1931 an die Firma Bünte & Remmler.

 

 
Kugelgelenke
Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V.

 

1933 kommt eine neue Variante, die „Polo Populärlampe“ hinzu. Hier wird eine Version der „Polo-Rondella“ an verschiedenen Details formal vereinfacht, wodurch sie deutlich preisgünstiger wurde. So ist der Gelenkpunkt zum Leuchtenfuß vereinfacht, der Eisenfuß ist nicht mehr metallumhüllt, sondern direkt lackiert, und statt aus Aluminium wird der Reflektor nun aus Stahlblech gefertigt. Diese neue Reflektorform wird fortan auch für diverse andere Leuchtenentwürfe genutzt. Der Entwurf der „Polo-Populär“ ist nach aktueller Forschungserkenntnis der einzige Entwurf von Christian Dell für Bünte & Remmler, offenbar aber ein sehr erfolgreicher. In einer Werbebroschüre von Bünte & Remmler aus dem Jahr 1938 wird die „Polo-Populär“ auf dem Titelbild als einer der „größten internationalen Lampenschlager“ beworben, von der über 10.000 Stück bereits verkauft worden sein sollen.

 


Unterseite des Leuchtenfußes mit Prägung "Polo-Populär"
Foto: Christina Treutlein, ernst-may-gesellschaft e.V.

 

Text: Johannes Bergmann